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Texto origen: Das neue Deutschland

En esta sección presentamos nuestro texto,el cual se trata de un artículo de la página online www.sueddeutche.de.fue publicado el dia 1 de mayo del 2010 y escrito por Heribert Plantl.

 

DAS NEUE DEUTCHSLAND

Die Vereidigung der Ministerin Aygül Özkan schlägt ein neues Kapitel in der deutschen Einwanderungsgeschichte auf. Jetzt müssen sich alle integrieren – auch Roland Koch und Markus Söder.
Es ist gut, dass Aygül Özkan Ministerin geworden ist. Mit ihrer Ernennung beginnt der Ruck durch Deutschland, den sich einst Roman Herzog erträumte. Dieser Ruck sieht aber nun etwas anders aus, als sich das wohl der damalige Bundespräsident vorgestellt hat:

Der Ruck ist 39 Jahre alt, er wurde 1971 als Tochter türkischer Einwanderer in Hamburg geboren.

Der Ruck ist Rechtsanwältin.

Der Ruck ist deutsch-türkisch: Er nahm Anlauf in Ankara. Von dort sind Aygül Özkans Eltern in den sechziger Jahren nach Deutschland gekommen.

Der Ruck beginnt freilich ein wenig irritierend – mit einem Streit über das Kreuz in Klassenzimmern. Er beginnt damit, dass die neue CDU-Sozialministerin von Niedersachsen ihre Forderung, religiöse Symbole aus den Schulen zu verbannen, gleich wieder zurücknehmen muss, auf Druck ihres Ministerpräsidenten.

Es ist also, könnte man meinen, gar nichts passiert; es hat eine kleine, heftige Auseinandersetzung gegeben; und diese hat die Erinnerung an die große Auseinandersetzung vor fast zwanzig Jahren geweckt, als das Bundesverfassungsgericht seinen Kruzifix-Beschluss fällte.

Der Hinweis darauf ist schon richtig, aber er erfasst trotzdem nicht, was jetzt passiert: Die Vereidigung der Ministerin Özkan schlägt ein neues Kapitel in der deutschen Einwanderungsgeschichte auf, vielleicht ist es auch ein neues Buch. Es beginnt, hoffentlich, die dritte deutsche Einheit – so wahr uns Gott helfe.

Die Historizität der Vereidigung der türkischstämmigen Ministerin leidet nicht daran, dass Aygül Özkan im Kruzifix-Streit wieder eingelenkt hat. Das ist weniger bezeichnend für sie als für ihre Partei, die CDU.

Aygül Özkan hatte mit souveräner Naivität an ein Tabu ihrer Partei gerührt. Das lässt sich nicht einfach wieder zurückpfeifen. Die Union wird sich an solche Irritationen so gewöhnen müssen wie die Gesellschaft insgesamt.

Die Deutschen, die Evrim Baba, Mustafa Kara, Eran Toprak oder Nesrin Yilmaz heißen (es handelt sich um noch nicht so bekannte Politikerinnen und Politiker), bringen andere Traditionen, andere Denkweisen und Erfahrungen mit als diejenigen Deutschen, die als Roland Koch, Peter Müller, Stefan Mappus oder Markus Söder amtlich registriert sind.

Diese anderen Erfahrungen kann man nicht sterilisieren und homogenisieren. Solche Verfahren nutzen der Milch und verlängern deren Haltbarkeit – aber nicht die der deutschen Gesellschaft.

Die erste deutsche Einheit begann 1949 mit der Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die zweite deutsche Einheit begann 1989 mit dem Fall der Mauer.

Die dritte deutsche Einheit begann soeben, am 27. April 2010 in Hannover.

Die Vereidigung von Aygül Özkan bricht einen Stein aus der Mauer, die bisher die alteingesessene von der eingewanderten Gesellschaft trennt.

Türkischstämmige Abgeordnete wie Lale Akgün von der SPD, Cem Özdemir und Ekin Deligöz von den Grünen haben an dieser Mauer schon gerüttelt. Aygül Özkan zeigt nun, dass man nicht nur in die Parlamente, sondern auch in hohe Regierungsämter kommen kann, wenn man keinen klassisch deutschen Namen hat.

Das ist der Unterschied zwischen Aygül Özkan und Philipp Rösler, dem Bundesgesundheitsminister vietnamesischer Abstammung; der kam im Alter von acht Monaten als Kriegswaise nach Deutschland und wurde von deutschen Eltern adoptiert. Er hat mit den Vorbehalten, die es gegen die Muslime gibt, nicht kämpfen müssen. Rösler gehört nicht zur Gastarbeitergeneration und ihren Kindern, über deren Zukunft und Schicksal in Deutschland ein halbes Jahrhundert lang erbittert gestritten worden ist.

Die deutsche Politik hat grausam lange die Augen davor verschlossen, dass aus Gastarbeitern Einwanderer geworden sind. Als sie merkte, dass man – so Max Frisch – Arbeitskräfte gerufen hatte und Menschen gekommen waren, wollte sie aus ihnen Rückkehrer machen; man wollte sie also wieder loswerden.

Integration ist keine Einbahnstraße

Statt intensiver Integrationsmaßnahmen, wie sie schon 1979 Heinz Kühn, der erste Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, gefordert hatte, flüchteten sich sowohl die Regierungspolitik von Helmut Schmidt als auch die von Helmut Kohl in Rückkehrprogramme; man proklamierte den Anwerbestopp, produzierte Rückkehrförderungsgesetze, zahlte Handgelder und hielt das für ein Patentrezept.

Das ist lange her, hatte aber langen negativen Nachhall. Aygül Özkan ist nun das schöne Symbol für ein neues Programm, man mag es Einkehrprogramm nennen. Die Migrantengeneration kehrt ein in die deutsche Gesellschaft.

Aygül Özkan hat mit ihrem ersten Auftritt gelehrt, was der nordrhein-westfälische CDU-Integrationsminister Armin Laschet seinen Parteifreunden (und nicht nur diesen) schon lange predigt: Integration ist keine Einbahnstraße.

Integration verlangt nicht nur von den Neubürgern viel, sondern auch einiges von den Altbürgern. Integration stellt alte Gewissheiten in Frage. Integration bedeutet, dass auch die Mehrheitsgesellschaft alte Fragen neu diskutieren muss; der Kruzifix-Streit, der für das Verhältnis von Kirche und Staat in Deutschland steht, ist nur ein Beispiel.

Link: http://www.sueddeutsche.de/politik/einwanderung-und-integration-das-neue-deutschland-1.935423

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